Mario Draghi hat mit wenigen Worten die Märkte bewegt. In einer Anhörung vor dem Währungsausschuss des Europaparlaments sprach er ungewohnt deutlich von Anzeichen für eine steigende Inflation im Euroraum. „Wir erwarten, dass die Inflation in den kommenden Monaten weiter steigt und die Verknappung des Arbeitsangebots zu steigenden Löhnen führt“, sagte Draghi.

Er sehe einen „relativ heftigen Anstieg“ einzelner Inflationskomponenten. So seien die Tariflöhne im vergangenen Jahr noch um 1,5 Prozent gestiegen – im ersten Quartal 2018 hingegen schon um 1,7 und im zweiten Quartal um 2,2 Prozent. Dies stimme ihn optimistisch, dass der Aufwärtstrend weiter anhält, da Tarife oft über zwei Jahre abgeschlossen würden.

Hinsichtlich der Zinsen bekräftigte Draghi allerdings, dass die EZB frühestens in rund einem Jahr die nächste Zinserhöhung erwartet. Der Leitzins liegt derzeit auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent und soll nach den Worten von Draghi noch „über den Sommer“ 2019 hinaus auf diesem Niveau bleiben. Im September hatte die Notenbank einen weiteren Mini-Schritt in Richtung einer strafferen Geldpolitik beschlossen: Ab Oktober sollen die monatlichen Anleihenkäufe auf 15 Milliarden Euro halbiert werden.

ING-DiBa-Ökonom Brzeski glaubt, dass der stärkere Lohnanstieg das Ende der Anleihekäufe rechtfertige. Für eine Erhöhung der Zinsen reiche dies aber noch nicht. Hierfür müssten die höheren Löhne auch auf die Kerninflation durchschlagen.

Eine erste Zinserhöhung könnte es im dritten Quartal 2019 geben. Ob es so kommt, hängt entscheidend von der weiteren Inflationsentwicklung ab. Fällt sie schwach aus, könnte die EZB die Zinserhöhungen länger hinausschieben oder nach einer einmaligen Zinserhöhung eine längere Pause einlegen.

Wir halten daher an unserem Standpunkt einer langen Zinssicherung fest.